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Mind the Gap

                                                                     Mind the Gap!

 

„Mind the Gap“, das ist die Aufschrift an den Bahnsteigkanten der Londoner U-Bahn.
„Beachte die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig“. Eine unangenehme Vorstellung, da hineinzurutschen, aber ein gutes Bild für „The Gap“. Der Spalt, in den man unerwarteter Weise hineingerät. Die Lücke, in der das Unvorhersagbare passiert.

Der Weg von der Londoner U-Bahn bis zur Überschrift für eine unserer Trainings-Gruppen ist gar nicht so weit. Hier ist die Geschichte:

Es begann mit der Heilpraktikerausbildung in Stuttgart, vor mehr als zwei Jahrzehnten. In den ersten Jahren konzentrierten wir uns auf die reine Wissensvermittlung. Wir wollten unsere Kursteilnehmer für die Überprüfung beim Amtsarzt fit machen. Wir lernten bald, dass niemand erfolgreich eine Heilpraxis führt allein aufgrund theoretischer, medizinischer Kenntnisse und einer bestandenen Prüfung. Dazu brauchte es mehr.

Wir bauten in der Folge den Sektor Fachausbildungen aus mit Akupunktur, Shiatsu, Homöopathie, TCM etc.  Dennoch fehlte unseren Absolventen immer noch etwas um ihre Arbeit therapeutisch wirksam zu machen. „Warum klappt es bei Dir? Was hast Du, was wir nicht haben?“ Da wurde mir klar, dass meine Art mit Klienten umzugehen auf die gesprächstherapeutische Ausbildung zurückging, die ich während meines Sozialpädagogikstudiums durchlaufen hatte. Das führte zu dem Entschluss, die Essenz des gesprächstherapeutischen Vorgehens an die zukünftigen Heilpraktiker weitergeben.

Es ging um die klientenzentrierte Therapie nach Carl Rogers. Eine Arbeit, bei der es nicht darauf ankommt, Menschen mit geschickten psychologischen Tricks dahin zu bringen, wo der Therapeut sie haben will oder sie sogar so raffiniert zu manipulieren, dass sie es gar nicht bemerken. Ganz im Gegenteil. Carl Rogers geht es darum, den Klienten in seiner Eigenart anzunehmen, ihm einfühlsam zuzuhören und dabei immer er selbst zu bleiben. Er spielt dem Klienten nichts vor, zieht sich nicht das glatte Mäntelchen der professionellen Perfektion an. Vielmehr zeigt er sich als Mensch, so authentisch wie möglich.

Wenn wir mit unseren Studentinnen und Studenten an diesem Punkt angelangt waren, stellte sich unvermeidlich die Frage: Wenn das auch für mich gelten soll, dann muss ich herausfinden, wer bin ich, wenn ich authentisch bin? Was ist meine Eigenart? Was ist echt?

An dieser Stelle kam Fritz Perls und seine Gestalttherapie ins Spiel. Perls war der Meister der Demaskierung. Er besaß die beängstigende und zugleich geniale Fähigkeit Menschen so präzise zu beobachten, dass er allein aufgrund kleiner körperlicher Regungen Konditionierungen aufzudecken vermochte. Verhaltensweisen, Abwehrmechanismen, Selbstquälerspielchen, wie er das nannte, wurden den Klienten oft in einer einzigen Sitzung bewusst. Mit diesen phantastischen Möglichkeiten wollte ich unsere Studenten ebenfalls in Kontakt bringen.

So entstand, angeregt durch die Arbeitsweise zweier großartiger Vorbilder, ein zehntägiger Kurs, der sich „Gesprächs- und Gestalttherapie in der Praxis nannte.“  Natürlich waren wir der Meinung, jeder zukünftige Heilpraktiker solle daran teilnehmen. Der Kurs war von Anfang an gut gebucht, doch nun zeigte sich etwas, womit wir nicht gerechnet hatten: Sehr bald kamen unsere Kursteilnehmer aus allen möglichen Lebensbereichen, nicht nur aus den Kreisen der Heilpraktikeranwärter. Es hatte sich herumgesprochen, dass in diesen zehn Tagen etwas Besonderes vermittelt wird. Etwas Grundlegendes, das nicht nur für Profis Bedeutung hat.

Die behutsame und einfühlsame Art, mit der Carl Rogers mit seinen Klienten umgeht, und die präzise, unerbittlich auf Echtheit zentrierte Art von Fritz Perls kreierte eine Atmosphäre in diesen Gruppen, wie ich sie zuvor nur im Ashram erlebt hatte. Es entstand ein Miteinander unter Fremden, entwickelte sich eine Verbundenheit, wie sie in dieser Dichte sonst kaum zu finden ist. Achtsamkeit kam auf und damit eine Stimmung, die man am besten mit dem Wort „meditativ“ beschreiben kann.

Immer wieder war es in der Gruppenarbeit zu Momenten gekommen, in denen der Tumult verebbt, die Hektik ausgelaufen, die emsige Tüchtigkeit, die jeder mitgebracht hatte, aufgebraucht war. In diesen Augenblicken der Stille konnte bei uns allen etwas Neues einziehen. Als könne auf einmal das Unerhörte gehört, das Unsagbare gesagt werden. Deshalb erschien mir der Titel „Gesprächs- und Gestalttherapie in der Praxis“ bald nicht mehr passend. Dieser alte Titel sah so aus, als vermittelten wir nur das reine Handwerkszeug. Das Handwerk zu lehren bildete zwar nach wie vor die Grundlage, aber der Gruppenprozess trug uns regelmäßig darüber hinaus. Während wir Schritt für Schritt einübten anders miteinander umzugehen,  entfaltete sich immer wieder etwas, das wir als Lücke wahrnehmen lernten. Mag kitschig klingen, aber wir empfanden diese Lücke als „heiligen Augenblick“. Daraus entstand der neue Name für dieses Training: „The Gap“.



The Gap ist die Lücke zwischen zwei Atemzügen. Der Augenblick, in dem die unablässige Kette der Gedanken kurz abreißt. Ein Moment, in dem nicht gefühlt, nicht gedacht, nicht gehandelt wird, in dem einfach alles aufhört. So etwas wie Stillstand. Das tonlose Konzert der universellen Weite. Die Leere, die wunderbare Leere. Nur aus ihr wird etwas Neues möglich. Solange der Strom der Gedanken nicht abreißt,  kann nur Altes, Bekanntes widergekäut werden. Nur wenn sich ein kleiner Spalt auftut im fest gefügten Gebäude meiner Meinungen, Ansichten und Überzeugungen, kann etwas Licht durch diesen Spalt in uns hineinfallen und den Dämmerzustand unserer eingefahrenen Strukturen vertreiben.

Die wenigsten wissen, dass Fritz Perls genau mit diesem Phänomen arbeitete. Er sagte: Wenn dein Klient die Leere erlebt, dann halte ihn dort fest, führe ihn tiefer hinein. Hinterher wird er verändert sein, ohne dass du sagen kannst, was in dieser Auszeit passiert ist.

Einem Klienten einfühlsam zuhören, sich auf seine Innenwelt einlassen, mit ihm ein Stück Selbsterkundung betreiben, kann sehr beglückend sein. Für Therapeut und Klient!

Eine letzte Größe fügte Rogers seiner Arbeit hinzu als er schon über 80 war: Die Präsenz. Er befand, dass sie neben Empathie, Akzeptanz und Authentizität unverzichtbar sei. Bei Präsenz, so erläuterte Rogers, ist immer göttliche Präsenz gemeint. Wenn sich Therapeut und Klient in dieser absichtslosen Begegnung auf einander einlassen, entsteht etwas Größeres. Etwas, das die beiden umfasst und sie in das universelle Bewusstsein eintauchen lässt.


Dann bleibt die Zeit für einen Augenblick stehen. Ein Augenblick durch den die Ewigkeit hereinschaut:  „The Gap.“


 Rajan Roth Dezember 2017



http://www.gestalttherapie-esslingen.de/

Kommentare

  1. Habe mehrfach sehr tief geseufzt bei der Lektüre. Total wunderbar beschrieben. DANKE!

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Das gleiche gilt auch für Carl Rogers. Wer seine Kindheit, Jugend und Studienzeit anschaut, wird auf alle wesentlichen Themen und Grundeinstellungen stoßen, die später in der klientenzentrierten Therapie ihre Ausformung und Ausformulierung fanden.  Fritz Perls und Carl Rogers waren Zeitgenossen. Perls lebte von 1893 bis 1970, Rogers von 1902 bis 1987. Rogers ist der Jüngere, dennoch machten sie etwa gleichzeitig, um 1940, mit neuen, bahnbrechenden Therapieformen von sich reden. Jahre später, 1961, wurden sie beide Mitg…

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