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Mittwoch, 15. Juli 2015

Fritz Perls, die Erfahrung der Leere und weshalb wir unser Training "Living the Gestalt " nennen


Von Dr. Rajan Roth

Das Therapieverständnis von Fritz Perls hat sich im Laufe seines Lebens mehrmals verändert. Obwohl er schon in den 20er Jahren den Philosophen und Künstlern näher stand als den Ärzten, war seine Sicht auf den Menschen am Beginn seiner beruflichen Karriere eher am schulmedizinischen Denken orientiert.


Fritz Perls arbeitete als Psychiater und Neurologe und wurde erst im Verlaufe seiner eigenen Psychoanalyse mit dem Freudschen Denk- und Sprachgebrauch vertraut. Auch Freud war Mediziner und so war es für Fritz Perls eine deutliche Befreiung, als er sich nach 1936 von der Freudschen Lehrmeinung lösen und seinen eigenen Weg gehen konnte.
Vor 1940 beabsichtigte er durch seine Veröffentlichung "Das Ich, der Hunger und die Aggression" die Psychoanalyse zu verbessern und zu bereichern. Nach dem Erscheinen des Buches wurde deutlich, dass er sich ganz von ihr abwenden musste. Es entstand eine neue, eigene Therapieform, die ab 1950 Gestalttherapie hieß.

Die drei Begründer der Gestalttherapie, Fritz und Lore Perls und Paul Goodman, arbeiteten in den frühen 50er Jahren im neugegründeten Gestaltinstitut in New York zusammen. Als Fritz Perls aber 1956 New York verließ und über Florida schließlich nach Kalifornien zog, schlug er auch in seiner gestalttherapeutischen Arbeit eine eigene Richtung ein. In den letzten Jahren seines Lebens hatte sich die Gestalttherapie zu etwas entwickelt, was einer Lebensschule näher kam als einer Psychotherapie. Auch in Bezug auf die Neurose entwickelte Fritz Perls neue, von Freuds Lehre abweichende Ideen. Die Neurose war seiner Meinung nach eine Kulturerscheinung, von der niemand ganz frei war, Freud nicht, Jung nicht, Reich und Adler nicht und natürlich auch Fritz Perls selbst nicht. Neurose war in Perls` Augen eine Wachstumsstörung, keine Krankheit.

Es ging Perls nicht um Therapie im Sinne der Heilung Kranker. Es ging ihm vielmehr um die Wiederbelebung des Selbst, wie der Untertitel des Standardwerks „Gestalttherapie“ heißt. Demgemäß betrachtete er einen Gestalttherapeuten, der seinen Patienten nur hilft Ziele zu erreichen, erfolgreich zu sein, wieder lebensfähig zu sein, als eindimensional. Das Besondere an der Gestalttherapie war aber von Anfang an, dass sie auf Ausdehnung ausgelegt war, auf Wahrnehmungserweiterung, auf das Erlauben von Mehrdimensionalität. Das zeigte sich immer wenn Perls von der fruchtbaren Stille sprach, oder von der Notwendigkeit, Verwirrung ernst zu nehmen, sie nicht zu übergehen, oder wenn er auf den erweiterten Bewusstseinszustand der Erleuchtung hinwies. 

Fritz Perls lag also nicht in erster Linie daran, Patienten bei der Lösung von Problemen zu assistieren. Ihm lag daran, dass der Teilnehmer nach der Sitzung sich etwas lebendiger fühlte. „Now you are a little bit more alive“, sagte er dann schmunzelnd. Und es ging ihm um ein inneres Erhellen. Er nannte es „a Mini-Satori, a small awakening“, ein kleiner Aufbruch in das Bewusstsein eines Erwachten, eines Erleuchteten. Deshalb kann „The Gestalt“ nur gelebt, nicht auf den Technikbegriff Therapie reduziert werden. Deshalb nennen wir unsere Arbeit „Living the Gestalt“.

Gestalt leben heißt, etwas Komplettes, Ungeteiltes, in sich Ganzes leben. Und obwohl es ganz ist, ist es doch nie fertig. Es darf sich in jedem Augenblick ändern, sich ausfalten, einfalten, sich zeigen, verbergen, explodieren, implodieren. „Gestalt“ bedeutet „ganz“.
Von einer Gestalt sprechen wir, wenn wir die Form erkennen und sie auch benennen können: Die Gasse abwärts konnte ich die Gestalt eines alten Menschen erkennen; etwas zeichnete sich gegen den Himmel ab wie eine Burg mit Zinnen, Türmen und Fahnen; ich sah etwas, etwa so groß und geformt wie eine Birne... Der alte Mensch, die Burg, die Birne sind geschlossene Gestalten, sie sind so weit komplett, dass ich sie benennen kann. Solange ich in die Gasse schaue und nur etwas vorbeihuschen sehe, kann ich nicht von einer Gestalt sprechen. Es bleibt im Vorfeld des Erkennens und es bleibt eine Verunsicherung zurück: muss ich mich fürchten, muss ich mich schützen, wie verhalte ich mich angemessen?

Fritz Perls verwendete den Begriff Gestalt, der aus der Gestaltpsychologie stammte, sehr weit gefasst. Für ihn hinterließ jedes Erlebnis einen Abdruck in unserer Psyche. Ist dieser Abdruck unvollständig, macht es uns unruhig. Unsere Psyche wünscht das Bild zu vollenden. Unser Innerstes drängt darauf das Erlebnis zu einem Abschluss zu bringen, damit unsere Energie, unsere Aufmerksamkeit nicht mehr in der Vergangenheit, nicht mehr am Unfertigen gebunden, sondern frei ist zur Bewältigung des gegenwärtigen Augenblicks.
Unfertige Formen schieben sich aus unserer inneren Ablage nach vorne und werden dann, unter günstigen Umständen, in Träumen oder in veränderter Realität oder durch Therapiesitzungen sich immer weiter komplettieren, bis alles beisammen ist. Und wenn es ganz ist, dann sprechen wir von Gestalt.

Fritz Perls hatte einen Weg gefunden, Menschen beim Schließen von unfertigen Formen, beim Komplettieren von inneren Gestalten zu assistieren. Sein Weg hieß: Hinschauen, Anschauen, gelten lassen – mal schonungslos, mal schmunzelnd. Dabei fand er auch heraus, dass Klienten hinschauten und hinschauten und es immer wieder passierte, dass sie plötzlich gar nichts mehr sahen. Da kam Nebel, Verwirrung. Da war oft nur noch Leere. Perls lernte, dies die "fruchtbare Leere" zu nennen und er lernte, dass sie durchschritten, durchlebt, erlebt werden musste. Nur wenn diese Leere eintrat, und war es noch so kurz, konnten sich die losen Enden in uns, die sich seit Jahren trotz vieler Versuche nicht hatten zu einem Ganzen fügen wollen, plötzlich und oft entgegen jeder Logik neu ordnen zu einem sinnvollen Ganzen. 


Niemand weiß, was in dem Reich der Leere genau passiert. Eine neue Ordnung aber, finden die Bruchstücke in uns nur, wenn die Leere, einige Atemzüge lang, das innere Feld übernehmen kann, wenn kein Verstand, keine Vernunft, keine Absicht und kein Wollen sich einmischt. Neuordnung, so fand Perls heraus, ereignet sich nur, wenn du den Dingen erlaubst, ihre alte Ordnung zu verlassen. Bei klarem Verstand würdest du das aber niemals erlauben, deshalb wird uns ein gütiger Nebel, ein klärendes Nichts geschickt – wenn du von dort wieder zurückkehrst, kannst du nicht mehr verstehen, weshalb du noch vor zehn Minuten so verzweifelt warst.

Die Erfahrung der Leere und ihrer alles enthaltenden und tragenden Bedeutung ist der gedankliche Ort, an dem die Idee der Ganzheit neu gefasst werden muss. Vertreter neuer therapeutischer, spiritueller, philosophischer und naturwissenschaftlicher Richtungen treffen sich genau an diesem Ort. Die Erkenntnis lautet: Alles, was Form angenommen hat, kommt aus der Leere. Die Dimension, aus der alles kommt wird jedoch nur deshalb Leere genannt weil sie nichts enthält, was wir mit uns bekannten Messgeräten erfassen können. Tatsächlich ist die sogenannte Leere die schöpferische Fülle schlechthin, nur, noch gibt es keine Schwingung, keine energetische Vibration, die irgendwie wahrnehmbar wäre. Die Annäherungen an diese schöpferische Leere sind sehr unterschiedlich und entsprechend verschieden sind auch die Begriffe:
CranioSakral-Therapie: Stillpoint
Frank Kinslow in seinem Buch Quantenheilung: Reines Bewusstsein
Stanislaw Grof in „Welt der Psyche“: Das Transpersonale
David Bohm in seiner Quantenmechanik: Quantenraum
Der Theologe Paul Tillich: Der Grund des Seins
Der indische Mystiker Osho: The oneness
Eckart Tolle in seinem Buch „Jetzt“: Die Stille.

Salomon Friedlaender, "mein erster Guru", wie Fritz Perls ihn nannte, schrieb in seinem Hauptwerk  "Schöpferische Indifferenz", (Herrsching, 2009) in einem erweiterten Begriff von Ganzheit reiche es nicht aus zu sagen, wir führen Körper, Geist und Seele wieder zusammen, oder, wir integrieren abgespaltene Persönlichkeitsanteile um wieder ganz zu werden. Es reiche zudem nicht aus zu sagen, es gehe darum, das Individuum als ganz und unteilbar zu erleben, denn all diese Gedanken rufen den Eindruck auf, nun sei das Individuum ganz, wir seien am Ziel und außerdem gebe es das universelle Bewusstsein. Mithin ist doch wieder eine Zweiheit da, eine Trennung zwischen dem Individuum hier und dem universellen Bewusstsein dort. Einheit ist erst gegeben, wenn die direkte Erfahrung passiert: Wir sind Bewusstsein. Oder: Wir sind Erscheinungsformen des universellen Bewusstseins.

Das heißt, es gibt nichts anderes als Bewusstsein und dieses Bewusstsein trägt in sich die Potenz zu jeder erdenklichen Erscheinung. Im reinen Bewusstsein, im Quantenfeld, beginnt sich etwas zu ordnen und sobald es seine Ordnung gefunden hat, tritt es hervor als Schwingung. Wenn die Schwingungen langsamer werden nehmen sie Form an als Apfel, Berg, Pferd oder Mensch. Die Gestalt schließen heißt, Ganzheit erfahren und das ist auf seiner endgültig untersten (oder obersten) Stufe die Erfahrung, dass wir Bewusstseins sind, dass wir nie davon getrennt waren und auch nie davon getrennt sein werden.
Fritz Perls beobachtete mit Präzision und Hellsicht, wie wir die Illusion der Getrenntheit ablegen und eintreten können in das Nullreich – die Leere, die zugleich alles enthält was ist. Und er nannte diese Arbeit Gestalttherapie.

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