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Freitag, 17. Juli 2015

Rogers und Perls: Die Biographien im Vergleich

                                                  Fritz und Carl –

                              eine Gegenüberstellung von Rajan Roth



Zur Einstimmung zunächst einiges aus dem Leben von Fritz Perls, denn wer seine Biografie studiert, wird vieles über die Gestalt-Idee und die Gestalttherapie erfahren. Perls’ Lebensweg und sein Lebenswerk sind nicht voneinander zu trennen. Mir präsentiert sich die Gestalttherapie immer wie die geronnene Lebenserfahrung ihres Begründers.

Das gleiche gilt auch für Carl Rogers. Wer seine Kindheit, Jugend und Studienzeit anschaut, wird auf alle wesentlichen Themen und Grundeinstellungen stoßen, die später in der klientenzentrierten Therapie ihre Ausformung und Ausformulierung fanden. 
Fritz Perls und Carl Rogers waren Zeitgenossen. Perls lebte von 1893 bis 1970, Rogers von 1902 bis 1987. Rogers ist der Jüngere, dennoch machten sie etwa gleichzeitig, um 1940, mit neuen, bahnbrechenden Therapieformen von sich reden. Jahre später, 1961, wurden sie beide Mitglieder der Amerikanischen Gesellschaft für humanistische Psychologie. (Association for Humanistic Psychology). Diese Gesellschaft war ein Forum für “viele Außenseiter und Erneuerer, Rebellen und Unzufriedene“. (Groddeck, S.141) Sehr bald wurde die Bewegung „der dritte Weg“ genannt. Die Psychoanalyse hatte als der erste Weg gegolten, die Verhaltenstherapie als der zweite, die neuen Methoden, zusammengefasst in der Humanistischen Psychotherapie, wurden diesen Vorgängern als der dritte Weg entgegengestellt. Mit einem ganzheitlichen, organismischen Konzept setzte sich der dritte Weg von den ersten beiden ab.
Rogers und Perls waren sich in den Grundüberzeugungen des dritten Weges einig: Der Mensch ist gut. Er ist bestrebt, sein Potential zu leben und zu entfalten. Selbstbestimmung ist keine Ideologie oder Idee, die wie andere Ideen kommt und geht, sie ist vielmehr eine, vom  Menschsein untrennbare innere Notwendigkeit. Alle psychischen Störungen lassen sich verstehen als Deformation des Strebens nach Entfaltung der Persönlichkeit, nach Sinnfindung und Sinngebung des eigenen Handelns, Denkens und Seins.

So viel die beiden Begründer der Gestalt- und der Gesprächstherapie gemeinsam haben, es gibt auch eine Reihe bemerkenswerter Unterschiede. In ihren Grundansichten sind sie sich sehr nahe, in der Wahl der therapeutischen Mittel hat Perls jedoch ganz andere Wege beschritten als Rogers. Hier die beiden Lebenswege und die daraus resultierenden Unterschiede:


Herkunft : Carl Rogers war Amerikaner. Er stammte aus einer wohlhabenden, gebildeten Mittelschichtfamilie, die „den traditionellen Wertvorstellungen eines konservativen Protestantismus aus der frühen Zeit der amerikanischen Siedlerbewegung“ anhing. (Groddek S.21) Carls Eltern waren überzeugt, dass allein ihre Form des christlichen Lebens richtig sei. Auf die Einhaltung der hauseigenen Gebote wurde strengstens geachtet. >Du kommst ohne Umwege nach der Schule sofort nach Hause. Es gibt keine Kontakte zu anderen Schülern oder gar Schülerinnen, das lenkt dich nur ab<. Alles Sinnliche war sündig. Der junge Carl zog sich in seine eigene Welt aus Büchern und naturwissenschaftlichen Studien zurück, aber auch das wurde bemängelt und es begann schon in der Schulzeit, was dann während des Studiums unübersehbar wurde: Carl war das schwarze Schaf der Familie Rogers.
Er fühlte sich sehr einsam und die Strenge der Eltern bedeutete für ihn, dass sie ihn nicht liebten. Er war ständig angespannt und „hatte schon mit 15 ein ausgewachsenes Magengeschwür.“ (Groddeck S. 31) Die Eltern fragten nie, was Carl möchte. Sie wussten was richtig und gut war für ihre Kinder. Als Carl während seiner Studienzeit an einer halbjährigen Chinareise teilnehmen konnte, kam er mit religionsübergreifender Toleranz, mit liberalen Gedanken und mit einem ihm bisher unbekannten Gemeinschaftsgefühl in Berührung. Als er darüber den Eltern in Briefen berichtete, warteten nach seiner Rückkehr nur Tadel und Strafe auf ihn.
Zweiundzwanzigjährig heiratete Carl seine Jugendfreundin Helen. Beide Elternhäuser waren entschieden gegen die frühe Heirat, so dass die Feier im Haus von Helens Schwester stattfand, nicht bei den Eltern. Das Paar zog gleich nach der Hochzeit nach New York. Die Distanz von den Eltern und von deren Auffassungen erlebte Rogers als Wohltat und Befreiung.
Ein Leben lang, so stellt sich mir die Biografie von Rogers dar, war er bestrebt, sich immer weiter aus der  emotionalen Kühle und der geistigen Enge seiner Familie zu befreien und, wie er selbst sagte, mit missionarischem Eifer von der heilenden Wirkung des Zuhörens und des Gehörtwerdens zu sprechen und zu schreiben – das, was ihm im Elternhaus so sehr gefehlt hat.

Herkunft: Fritz Perls war Deutscher. Seine Eltern waren aus den deutschen Ostprovinzen nach Berlin gekommen, vermutlich erst wenige Jahre vor der Geburt des dritten Kindes Friedrich Salomon, genannt Fritz. Beide Eltern gehörten der jüdischen Gemeinde an. Während die Mutter die Vorschriften des orthodoxen Judentums einhielt, sich koscher ernährte und zur Synagoge ging, war der Vater Mitglied in einer Freimaurerloge, behandelte seine Frau rüde und hatte viele Affären. Perls schreibt später in einer Kurzbiografie: „Mutter liebevoll, ehrgeizig, liebt die Kunst, hasst den Vater. Vater hasst Mutter, liebt Frauen; spielt den Grossmeister der Freimaurer, schwer und fröhlich...“
In den ersten Jahren ging es wirtschaftlich bescheiden her, aber schon 1896 konnte die Familie in eine grössere Wohnung in besserer Lage umziehen. Fritz’ Vater hatte eine Vertretung für Weine der Barone Rothschild übernommen und damit war es den Perls’ möglich, den Standard einer Mittelschichtfamilie im deutschen Kaiserreich zu leben – in wirtschaftlicher wie in Hinsicht auf die Erziehungsmethoden.
Fritz fühlte sich geliebt und bewundert bis er zehn Jahre alt war. Mit den Schulschwierigkeiten, die mit dem Wechsel auf das Mommsen-Gymnasium einhergingen, wandelte sich die liebevolle Zuwendung in Forderungen und Druck. Fritz war Mutters große Hoffnung gewesen, nun sah sie sich betrogen und glaubte, sie könne durch Schläge wieder herbeiholen, was nicht mehr war. Aber Fritz war nicht zu bändigen. Er zerbrach Mutters Teppichklopfer oder schnitt der Peitsche die Riemen ab.
Auch der Vater hatte ein sehr raues Verhältnis zum Sohn, machte ihn klein, durch abwertende Bemerkungen. „Perls teilte hier Erfahrungen mit vielen Leidensgenossen seiner Generation. Der selbstbehauptende Kampf gegen den übermächtigen, fernen und den Sohn nicht oder kaum anerkennenden Vater, verknüpfte sich mit dem Kampf gegen die kalten materialistischen Werte des Wilhelmismus, die auch der eigene Vater repräsentierte. Der Kampf gegen das verlogene Bürgertum mit seiner Doppelmoral...entwickelte sich zu einem grossen... Thema.“ (Bocian S.56)
Der enorme Druck, den die Eltern auf ihren Sohn weitergaben, resultierte aus der veränderten rechtlichen und politischen Situation der Juden im deutschen Kaiserreich. Nach der Emanzipierung standen ihnen nun fast alle Berufe offen. Um in die bürgerliche Gesellschaft aufgenommen zu werden, musste man in Schule und Hochschule überdurchschnittliche Leistungen bringen, nur dann war sozialer Aufstieg möglich. Das war die Überzeugung der Elterngeneration. Im Gymnasium machte Fritz Perls aber die Erfahrung, „dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ (Bocian S.66) So lebte Perls immer in der Spannung zwischen seiner rebellischen Grundhaltung einerseits und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit andererseits.

Studium: Carl Rogers schrieb sich 1920 an der Universität von Wisconsin für Agrarwissenschaften ein. Noch im ersten Studienjahr wechselte er die Fachrichtung und belegte Kurse in Geschichte um sich für ein theologisches Studium vorzubereiten. 1924 graduierte er in Religionsgeschichte und nahm kurz darauf das Studium der Theologie am Union Theological Seminary in New York auf. „Es war das liberalste im ganzen Land“, wie er selbst schrieb. (Groddeck S.41) Mit dem theologischen Seminar und dem Teachers Training College der Columbia Universität gab es ein Dozentenaustauschprogramm, „so dass Rogers auch Veranstaltungen in Psychologie, Pädagogik und Psychiatrie hören konnte.“ (Groddeck S.42)
Dort lernte er bei W. H. Kilpatrick, dass „Respekt für die Person die Wurzeln der Demokratie darstellt“ und dass „wir lernen, indem wir uns verhalten“. Beides richtungsweisende Gedanken in jener Zeit und beides später wichtige Elemente der klientenzentrierten Therapie.
Als Rogers am Union Theological Seminary begann, wollte er noch Pfarrer werden. 1925 übernahm er, als ersten Schritt, eine Vertretung auf einer Pastorenstelle. Dort fand er heraus, daß er vor allem in der seelsorgerischen Arbeit noch viel lernen musste. Sein Interesse an Psychologie wuchs und in der Folge wechselte er zum Teachers College mit Hauptfach Psychologie. 1928 trat er eine Stelle in der Abteilung Kinderforschung an, wo es um die Behandlung von Problemkindern ging. 1931 erwarb er den Doktorgrad in Psychologie.
Erst in den Jahren nach 1940 begann er sich eingehend mit Psychotherapie zu befassen. In einer Rede, im Dezember 1940, er war gerade frisch gebackener Professor an der Ohio State University, sprach er über neuere Konzepte in der Psychotherapie – und genau diese Rede betrachtete Carl Rogers als die Geburtsstunde der klientenzentrierten Therapie.

Studium: Fritz Perls wechselte vom Mommsen Gymnasium, wo es Schwieirgkeiten gab, vor allem wegen der antisemitischen Haltung des Lehrkörpers, an das Askanische Gymnasium. Dort unterrichteten reformpädagogisch orientierte Lehrer. Fritz fand zu guten Schulleistungen zurück und bestand 1913 sein Abitur mit Auszeichnung.
Sich dem Wunsch seiner Familie widersetzend, studierte Perls nicht Jura sondern Medizin. Das tat er nicht aus Begeisterung, sondern er betrachtete dieses Studium als Türöffner zu „Philosophie und Physiologie“. (Perls, Lebenslauf) Fritz Perls hatte die Traumdeutung von Sigmund Freud gelesen, war davon sehr beeindruckt und fühlte sich in diese Richtung gezogen. Freud war ebenfalls Mediziner.
F. P. begann sein Medizinstudium in dem Jahr, in dem der erste Weltkrieg begann, 1914.
Er wusste, dass alle Männer seines Alters bald zum Kriegsdienst eingezogen werden würden, so meldete er sich, um nicht gleich an die Front zu kommen, als freiwilliger Soldat zum Roten Kreuz. Studium und Einsätze ließen sich anfangs wohl noch einigermaßen vereinbaren. 1915 musste er dennoch zur Grundausbildung an der Waffe einrücken und wurde, inzwischen 22jährig, einem Pionier-Bataillon als Sanitäter zugeteilt. Dazu später noch einige Sätze.
1919, ein Jahr nach Kriegsende, erlangte Fritz Perls die Approbation zum Arzt. 1921 schloss er die medizinische Ausbildung mit dem Dr.med. ab und begann als Nervenarzt zu arbeiten. Die Ausbildung zum Psychoanalytiker begann 1925  mit einer Lehranalyse bei Karen Horney und sie endete im Jahr 1933 bei Wilhelm Reich. (Bocian S.185)
1926 und 1927 arbeitete Fritz Perls als Assistenzarzt bei Kurt Goldstein in Frankfurt. Goldstein leitete das neurologische Institut und arbeitete mit Ademar Gelb zusammen, der am psychologischen Institut der Universität Frankfurt die neuen gestaltpsychologischen Ansätze vertrat. Hier lernte Perls das ganzheitlich-organismische Denken kennen. In einer Lehrveranstaltung von Gelb/Goldstein traf Fritz Perls auch seine spätere Frau Lore (Bocian S.192).
1927-28  folgte ein Jahr Assistenzzeit an der Wiener Nervenklinik. Perls war nach Wien gekommen, um nach dem ersten Abschluss seiner Lehranalyse die anderen Ausbildungsteile zu absolvieren – Theorieseminare, Kontrollanalyse und technische Seminare. Dazu schrieb er sich beim Ausbildungsinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ein. Das beanspruchte neben seiner Arzttätigkeit sehr viel Zeit, „er hatte das komplette Programm des Wiener Lehrinstituts belegt.“ (Bocian S.203)
Zurück in Berlin arbeitete er wieder als Arzt, jetzt in eigener Praxis, immer in der Hoffnung, als Psychoanalytiker Fuß fassen zu können. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft riet ihm aber noch weiter zur Lehr- und Kontrollanalyse zu gehen. Fünf Jahr später war er immer noch nicht fertig. Milan Sreckovic schreibt dazu: warum Fritz Perls noch nicht einmal fünf Jahre später, als er im Dez 1933 nach Südafrika auswanderte, „fertig und ein akkreditierter Psychoanalytiker war, wird wohl ein Rätsel bleiben.“ (Handbuch S.49)
Mehr zur Prägung von Fritz Perls erfahren wir aus dem brillanten Buch von Bernd Bocian, „Fritz Perls in Berlin 1893-1933“. Er greift vier bedeutende Einflüsse aus seiner Schul- und Studienzeit heraus, Elemente, die sein Welt- und Menschenbild betreffen und die sich später alle in der Gestalttherapie wiederfinden: 
1.      Das humanistische Bildungsideal
2.      Max Reinhardt und das expressionistische Theater
3.      Desensibilisierung und die Wiedererlangung der Sensibilität
4.      Das Hier- und Jetzt-Prinzip

° Zum humanistischen Bildungsideal nur so viel: es steht jener Betrachtungsweise aus dem Altertum, wie sie von Thomas Hobbes noch einmal zitiert wurde „der Mensch ist des Menschen Wolf“, diametral entgegen. Die Humanisten sind davon überzeugt, dass der Mensch im Grunde gut ist. Vergeht er sich gegen sich selbst oder andere, so wird das auf psychische Deformation zurückgeführt - verursacht durch äußere Einflüsse - nicht auf das Wesen. Nicht der Kern ist verdorben, sondern die Schale. In unserem innersten Kern ist ein enormer Vorrat an Möglichkeiten angelegt, den es zu entfalten gilt. Mensch werden, heißt ganz werden, heißt Reintegration abgespaltener Persönlichkeitsanteile, heißt Raum schaffen für Wachstum. So werden es später die Mitglieder der Vereinigung für humanistische Psychotherapie formulieren.

° Perls liebte das Theater. Nicht die Illusion, die auf der Bühne entstehen kann, faszinierte ihn, sondern gerade das Gegenteil: das Abbild der Wirklichkeit. Die Wilhelminische Gesellschaft, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit Nationalismus und Kolonialismus beschäftigt, ist die Gesellschaft der Masken. Das wahre Gesicht traut sich nur der Schauspieler zu zeigen und er zeigt es in diesen ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts wie nie zuvor. Das neue Schauspiel sucht den Ausdruck, die Expression. Vorreiter des Expressionistischen Theaters ist Max Reinhardt. In der Oberstufe des Gymnasiums spielte Perls schon als Statist bei Max Reinhardt, als Student bekam er gelegentlich kleine Rollen. Seine Medizinerkollegen sollen später von ihm gesagt haben, er sei mehr auf den Dachböden der Berliner Bohème zu finden, bei den Künstlern und Lebenskünstlern als in der Klinik.
Max Reinhardt brachte völlig neue, revolutionäre Inszenierungen ins Berliner Theater. Seine Regie war gnadenlos, seine Stücke polarisierten, er löste hier Empörung aus, erntete dort höchstes Lob. Das alte Theater hatte Bühnencharaktere festgelegt, in sogenannten Rollenfächern. Die hießen zum Beispiel jugendlicher Held oder jugendlicher Liebhaber, Intrigant oder Naturbursche, Königinnenmutter oder Heldenvater etc.. jede Figur konnte sich nur in einem festgelegten darstellerischen Rahmen von Mimik, Gestik und Tonfall bewegen. Wer sich nicht in diesem Rahemn zwängen wollte, hatte auf der klassischen Bühne nichts verloren. Reinhardt dagegen forderte, dass die Schauspieler die Figuren auf der Bühne beseelen. Wer einen König, Liebhaber, Krieger darstellt, soll Zugang zu seinem inneren König, Liebhaber, Krieger nehmen. Nur ein Schauspieler, der die Rolle mit seiner eigenen Erfahrung, mit seinem persönlichen Erleben füllen konnte, würde die Zuschauer berühren. Das expressionistische Theater ließ die Tiefen menschlichen Empfindens lebendig werden, Schmerz, Liebe, Wut. Das Zögern, die Zweifel, die Pein sollten jeden Abend auf der Bühne neu entstehen und das konnten sie nur, wenn der Schauspieler in der Königsrolle den eigenen inneren König aufscheinen ließ. Wer den König in sich nicht finden konnte, sollte er eine andere Rolle spielen, vielleicht den Bettler, weil er gerade jetzt mit seiner eigenen Bedürftigkeit und seiner inneren Armut beschäftigt ist. 
Authentizität (wie sie bei Carl Rogers auch wieder auftaucht) war bei Reinhardt ein großer Anspruch. Die kaiserliche Gesellschaft hatte keinen Platz dafür. Die Geschehnisse des Krieges waren aber gerade dabei die Werte der bürgerlichen Gesellschaft umzukrempeln und so gab es zunehmend mehr kritisch denkende Zeitgenossen, die den Expressionismus als wahrer, echter, ehrlicher stürmisch begrüßten. Zu ihnen gehörte auch Fritz Perls.
Wir werden im Folgenden sehen, wie sich der Einfluss des neuen Theaters in der Gestalttherapie wiederfindet.

°  Wie oben schon erwähnt, hat Perls den ersten Weltkrieg mitgemacht. Bocian schreibt "Wer einen so langen Zeitraum wie Perls an der Front verbracht hat, wird chronisch traumatisiert nach Hause gekommen sein.“ (S.113) Eine der Erscheinungsformen des Kriegstraumas ist die Desensitivierung. Die Überbelastung durch fortgesetzte grausam visuelle und akustische Eindrücke hat die Soldaten dazu gebracht, ihre Gefühle abzuschalten. Auch Perls beobachtete seelische Verhärtung und Panzerung an sich selbst. Er „hat im Laufe seiner langjährigen psychoanalytischen Ausbildung versucht, Erlösung für diese Probleme zu finden“. (S.114) Seine ersten Analytiker konnten ihn nicht erreichen. Erst in der Lehranalyse bei Wilhelm Reich fand Perls jemanden, der zu ihm durchdrang: Wieder fühlen heißt, wieder lebendig sein. Perls sagte später am Ende einer Sitzung gelegentlich: Fühlst du dich jetzt ein bisschen lebendiger? Er wusste, wovon er sprach.

° Fritz Perls war also ein aufgewühlter und aufwühlender Mensch. Er hatte, wie seine Frau sagte, aus dem ersten Weltkrieg einen schneidenden Zynismus mit nach Hause gebracht und kämpfte über die Jahre immer wieder mit Depressionen. Andererseits hatte er durchaus Augen für die Schönheit der Welt. Er war lebenshungrig, fühlte sich zur Kreativität hingezogen, wo sich enges, bürgerliches Denken transformieren oder einfach ablegen ließ. Er selbst nannte sich, wegen seiner Zuneigung zum Dadaismus, den "ersten Gestaltdada". Dieser Widerspruch zwischen Zynismus und Hingabe an eine bezaubernde Welt konnte nur durch eine Haltung überbrückt werden, in der beides Platz hatte: durch das Hier- und Jetzt-Prinzip. Was vergangen ist, ist vergangen, was kommen wird, wissen wir nicht. Das einzig Wirkliche ist der gegenwärtige Augenblick.

1916 war Perls in den ersten Frontgraben verlegt worden. Angriff mit Giftgas-Minen. Die britischen Einheiten antworteten mit Trommelfeuer. „Zwei Stunden der Hölle...“ wie er selbst schrieb. „Auf dem Rückmarsch ein erstaunlich schöner Sonnenaufgang. Ich fühlte die Gegenwart Gottes. Oder war es Dankbarkeit oder der Kontrast zwischen dem Geschützfeuer und der heiteren Stille? Wer weiß.“ (Bocian, S.104) Du kannst den Sonnenaufgang mitten im Krieg nicht  wie eine Offenbarung erleben, wenn du noch am Vorhergehenden klebst. Nur wenn du ganz im Augenblick bist, kannst du ihn geniessen – egal was er bringt.

Rogers und Perls, zwei Giganten. Rogers, ist der Mann, der einerseits größten Respekt vor der Eigenart und Eigenständigkeit des Individuums hatte und der andererseits eine wissenschaftliche Herangehensweise liebte, in der Präszision und Nachvollziehbarkeit des eigenen Handelns wichtig ist. Er entwickelte aus der Achtung vor den Menschen und aus Verpflichtung gegenüber der Wissenschaft den kontrollierten Dialog. Faszinierend, seine sparsame Art, sein Verzicht auf Selbstdarstellung. Wir sehen, wie der Therapeut sich ganz weit zurücknimmt, wie ein Vakuum entsteht. Der Klient ist eingeladen, dieses Vakuum selbst zu füllen. Wenn der Klient seine Erwartungen auf den Therapeuten richtet und der ihm in jenen langen Gesprächspausen, die durchaus entstehen können, nur Stille und intensionslosen Raum anbietet, dann wird er unweigerlich irgendwann aus seinen eigenen Tiefen Antworten und Lösungen hervorbringen.

Klientenzentrierte Therapie hat sehr viel mit Disziplin zu tun. Nicht mit Gehorsam, nicht mit Unterwerfung unter fremde Befehle, sondern mit Bescheidung. Eine Disziplin, die von innen kommt. Eine Disziplin, die das Therapeuten-Ego meistert, das unablässig eingreifen, die Dinge richten, verändern und besser machen will. Die Zurückhaltung, das Sparsame, die Therapie der kleinen Schritte, wie Rogers sie selbst nannte, das ist klientenzentrierte Therapie. Es ist das Nicht-Tun, das doch keine Passivität ist. Ohne Präsenz und ohne Empathie ist schweigsames Dasitzen hohl und impotent. Eine Zurückhaltung, die nicht macht, sondern geschehen lässt. Ein tuendes Nicht-Tun. „Wei wu wei“, wie es im Tao heißt. Rogers soll Laotse zitiert haben, „je weniger ich den Menschen beeinflusse, um so mehr kann er er selbst werden.“

Ganz anders präsentiert sich Fritz Perls. Das Leben geht nicht mit Samthandschuhen mit dir um - nicht im Giftgas Krieg, nicht im feindlichen Trommelfeuer und nicht, wenn du das Pech hast, der Jude zu sein, in einer Gesellschaft, die beschlossen hat, sich selbst zu überhöhen, indem sie dich erniedrigt. Warum sollte der Therapeut also zimperlich sein, eine heile Welt erschaffen, die es da draußen doch nicht gibt? Das Leben ist nicht nur Stille und Geschehenlassen, es ist auch laut und wild und aggressiv. Aggression im Sinne von aktiv auf das Leben zugehen, das ist ein Grundzug, ohne den das Leben längst aufgehört hätte zu existieren. Lebewesen haben den Impuls, sich durchzusetzen, sich zu behaupten, nicht zu verhungern, nicht zu sterben.
Lebende Organismen erscheinen bei Fritz Perls als Energiekugeln, die dafür geschaffen sind, zu sprühen, zu funkeln, sich zu bewegen und die Existenz zu bereichern - durch ihr pures Dasein.
Fritz ist nicht zimperlich. Er brüskiert seine Klienten, er fordert sie auf, Dinge zu tun und Schritte zu gehen, die sie bisher vermieden haben. Der Perls-Schüler Toni Horn, den ich selbst in Gestaltgruppen erlebt habe, forderte einen Teilnehmer auf: „Du hast von einem räudigen Hund geträumt, der jedem ans Bein pisst? Ok., steh auf, geh zu jedem Gruppenteilnehmer, piss ihm verbal ans Bein. Du weißt, wie man jemanden verbal anpisst? Also, sei der räudige Hund und dann sag uns, was du dabei erlebst.“
Perls` Sitzungen sprühten von Einfallsreichtum, von unvorhersehbaren Interventionen. Es fragt sich immer wieder, wo nimmt er das her? Das ist der Schauspieler, der Theatermensch. Das ist der Dadaist, der erlebt hat, dass Leben nicht logisch ist, dass die Psyche nicht wie Arithmetik funktioniert, vielmehr ist es das Unberechenbare selbst, das Unerklärliche, das Sprunghafte, das Wechselhafte. Leben ist Veränderung.
Wenn Rogers die Stille des Universums repräsentiert und seine Sitzungen den Schritt Gottes hörbar machen, dann lässt Fritz Perls in seiner Arbeit die Lust der Schöpfung am Schöpfen sichtbar werden. Der Schöpfungsakt war nicht nach 6 Tagen abgeschlossen, er hat nie aufgehört. Das Universum ist Kreativität, es ist dynamisch, es ist lebendig. Das ist der Kern  der Gestaltarbeit  von Fritz Perls. Leben ist wertvoll, bewusstes Leben ist der höchste Wert, den es gibt. Und das Leben passiert immer im Hier und Jetzt und nirgendwo anders.

Noch einmal kurz:
Fritz Perls und Carl Rogers stehen beide für die Entfaltung der Persönlichkeit
Carl mit Disziplin, clientcentered Therapy, die Stunde des Klienten, Haltung des Therapeuten,
Achtung und Wertschätzung des anderen, mit Einfühlung und Selbstexploration.
Fritz mit Wiederentdeckung der Kreativität, Wiederbelebung des Selbst, Wiedergewinnung der Lebendigkeit.


Zitierte Literatur
Handbuch der Gestalttherapie. Hrsg. Reinhard Fuhr u.a. Göttingen, 2001
Groddeck, Norbert: C.Rogers, Wegbereiter der modernen Psychotherapie. Darmstadt, 2002
Bocian, Bernd: Fritz Perls in Berlin 1893-1933. Wuppertal, 2007

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