Meine Klientin Erika hat sich vor drei Jahren von ihrem Mann getrennt. Seitdem lebt sie mit ihren beiden Kindern in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Edmund ist dreizehn, Luisa zehneinhalb Jahre alt. In den letzten Wochen ist Edmund zunehmend schwierig geworden. Er beschimpft seine Mutter und richtet seine Wut lautstark gegen Erikas neuen Freund. Immer wieder macht er ihr Vorwürfe: Sie solle sich mit dem Papa versöhnen und den fremden Mann nicht mehr bei ihnen übernachten lassen.
Für Erika wird daraus ein immer heftigerer innerer Konflikt. Sie versteht ihren Sohn, nimmt seine Not ernst – und steht genau deshalb zwischen ihm und ihrem neuen Partner. Je mehr sie versucht, beiden gerecht zu werden, desto stärker quälen sie Schuldgefühle. Sie fragt sich, ob sie mit ihrer Trennung gegen eine tiefere Ordnung verstoßen hat.
Ich persönlich habe dazu natürlich eine Meinung. Doch als ihr Therapeut ist es nicht meine Aufgabe, sie zu belehren. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten, ihre eigene Position zu finden und mit ihrer Situation leben zu lernen. Da Erika jedoch selbst davon überzeugt ist, etwas Grundlegendes falsch gemacht zu haben, reizt mich ein ungewöhnlicher Weg.
Der argentinische Gestalttherapeut und Autor Jorge Bucay arbeitete mit Geschichten – nicht um zu erklären, sondern um innere Bilder zu verschieben. In den Sitzungen mit Erika würde ich gerne folgende Geschichte erzählen:
Über viele zehntausend Jahre hinweg lebten Menschen in Gemeinschaften, die sich um die Mutterlinie organisierten. Zugehörigkeit, Sicherheit und Versorgung gründeten sich auf die Mütter und ihre Töchter. Die Häuser, Höhlen oder Jurten gehörten den Frauen und ihren Kindern.
Die Töchter blieben bei der Mutter, ebenso deren Kinder. Brüder lebten ebenfalls dort – als Onkel, als Teil der Sippe, als Mitverantwortliche. Die Abstammung war eindeutig, die Mutter war sichtbar. Vaterschaft im heutigen Sinne spielte keine Rolle.
Männer gingen abends zu den Frauen, die sie liebten. Für die Nacht waren sie Gäste. Am Morgen kehrten sie in die Häuser ihrer eigenen Mütter zurück. Kinder gehörten nicht einzelnen Männern, sondern der Gemeinschaft der Mutter. Das Aufziehen der Kinder war eine kollektive Aufgabe, getragen von Frauen, Schwestern, Tanten und Onkeln.
Schwangerschaft und Geburt galten als Mysterium. Dass aus der Begegnung zweier Menschen neues Leben entstand, wurde nicht rational erklärt, sondern als Ausdruck einer größeren, tragenden Kraft verstanden. Sexualität, Mutterschaft und Gemeinschaft standen nicht im Widerspruch zueinander.
Und nun stell dir vor: In einer solchen Gemeinschaft beginnt ein dreizehnjähriger Sohn, seiner Mutter vorzuschreiben, mit welchem Mann sie die Nacht verbringen darf. Oder er fordert, sie solle nur mit jenem Mann schlafen, der ihn gezeugt habe. Das wäre unvorstellbar. Ein Kind hätte weder die innere Logik noch die emotionale Grundlage für solche Forderungen.
Und selbst wenn ein Junge solche Gedanken äußerte, würde man ihn nicht moralisch tadeln. Man würde erkennen, dass er verwirrt ist. Die Gemeinschaft würde ihn schützen, ihn halten, ihn gesund singen und gesund tanzen – bis er wieder seinen Platz gefunden hätte.
Vielleicht könnte Erika aus dieser Geschichte ableiten, dass sie und ihr Sohn nicht an der Verletzung einer natürlichen oder gar göttlichen Ordnung leiden. Vielmehr ringen sie mit einer kulturellen Ordnung, die historisch jung ist und tiefe innere Loyalitätskonflikte erzeugt.
Mutter und Sohn reagieren auf diese Spannung mit Symptomen. In diesem Sinn kämpfen beide gerade mit Neurosen. Fritz Perls brachte es einmal auf den Punkt: Die Neurose ist die gesunde Reaktion auf eine kranke Gesellschaft.
Das wird Erikas Situation nicht unmittelbar verändern. Aber es könnte ihren Blick weiten. Und genau das ist oft das Entscheidende in der Therapie: Wir können die Wirklichkeit nicht ändern – wohl aber die Perspektive, aus der sie erlebt wird. Vielleicht begegnet Erika sich selbst, ihrem Sohn und ihrem neuen Partner dann mit mehr Nachsicht. Und das wäre allemal heilsamer, als weiter Schuld auf sich zu laden.
Rajan Roth, Februar 2026
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