Meine Klientin Erika hat sich vor drei Jahren von ihrem Mann getrennt. Seitdem lebt sie mit ihren beiden Kindern in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Edmund ist dreizehn, Luisa zehneinhalb Jahre alt. In den letzten Wochen ist Edmund zunehmend schwierig geworden. Er beschimpft seine Mutter und richtet seine Wut lautstark gegen Erikas neuen Freund. Immer wieder macht er ihr Vorwürfe: Sie solle sich mit dem Papa versöhnen und den fremden Mann nicht mehr bei ihnen übernachten lassen. Für Erika wird daraus ein immer heftigerer innerer Konflikt. Sie versteht ihren Sohn, nimmt seine Not ernst – und steht genau deshalb zwischen ihm und ihrem neuen Partner. Je mehr sie versucht, beiden gerecht zu werden, desto stärker quälen sie Schuldgefühle. Sie fragt sich, ob sie mit ihrer Trennung gegen eine tiefere Ordnung verstoßen hat. Ich persönlich habe dazu natürlich eine Meinung. Doch als ihr Therapeut ist es nicht meine Aufgabe, sie zu belehren. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten, ihre eig...
Über die Liebe Kürzlich war ich wieder einmal in einer Kirche. Die Matthäuspassion hatte mich dorthin gelockt. Ich erlebte den Kirchenraum, die gotische Architektur, das Licht der bunten Fenster – und in diesem Raum die Musik von Johann Sebastian Bach. Da entstand ein Gesamteindruck, der jenseits aller Dogmen und jenseits der Lehren der Ratio lag. Etwas Zeitloses öffnete sich: der direkte Zugang zu Gott. Ausgangspunkt und Ursprung all dieser gewaltigen kulturellen Ausprägungen ist Christus. Rund um den Anstoß, der von ihm ausging, hat sich so viel Gutes und so viel Schlimmes versammelt. Es ist unendlich viel darüber gesprochen, gestritten, gelehrt worden – bis der Kern gänzlich verwässert und schließlich in sein Gegenteil verkehrt wurde. Der Anstoß selbst war ganz einfach: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander.“ Doch in Wahr...