Alles beginnt mit der Frage: Was willst du? Fritz Perls schreibt auf der ersten Seite von The Gestalt Approach : „Modern man … wanders around aimlessly, not really knowing what he wants and completely unable, therefore, to figure out how to get it.“ In meinen Worten: Der Mensch unserer Zeit weiß nicht, was er will, und kann deshalb sein Leben auch nicht so organisieren, dass er bekommt, was er braucht. Diese Beobachtung schwebt über allen gestalttherapeutischen Bemühungen. Daher kommt in jeder Sitzung die Frage vor: Was willst du? Es geht darum herauszufinden: Was willst du jetzt? Was willst du von deiner Partnerin oder deinem Partner – jetzt, da du dich beim Therapeuten über sie oder ihn beklagst? Was willst du vom Vater, jetzt, da du in diesem Augenblick darunter leidest, dass er dich nicht an der Hand genommen und ins Leben geführt hat? Und was willst du von Mama, wenn du rufst: Ich hätte dich so gebraucht? Jetzt – was willst du jetzt von ihr? Im selben Aug...
Meine Klientin Erika hat sich vor drei Jahren von ihrem Mann getrennt. Seitdem lebt sie mit ihren beiden Kindern in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Edmund ist dreizehn, Luisa zehneinhalb Jahre alt. In den letzten Wochen ist Edmund zunehmend schwierig geworden. Er beschimpft seine Mutter und richtet seine Wut lautstark gegen Erikas neuen Freund. Immer wieder macht er ihr Vorwürfe: Sie solle sich mit dem Papa versöhnen und den fremden Mann nicht mehr bei ihnen übernachten lassen. Für Erika wird daraus ein immer heftigerer innerer Konflikt. Sie versteht ihren Sohn, nimmt seine Not ernst – und steht genau deshalb zwischen ihm und ihrem neuen Partner. Je mehr sie versucht, beiden gerecht zu werden, desto stärker quälen sie Schuldgefühle. Sie fragt sich, ob sie mit ihrer Trennung gegen eine tiefere Ordnung verstoßen hat. Ich persönlich habe dazu natürlich eine Meinung. Doch als ihr Therapeut ist es nicht meine Aufgabe, sie zu belehren. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten, ihre...