Alles beginnt mit der Frage: Was willst du?
Fritz Perls schreibt auf der ersten Seite von The Gestalt Approach:
„Modern man … wanders around aimlessly, not really knowing what he wants and completely unable, therefore, to figure out how to get it.“
In meinen Worten: Der Mensch unserer Zeit weiß nicht, was er will, und kann deshalb sein Leben auch nicht so organisieren, dass er bekommt, was er braucht.
Diese Beobachtung schwebt über allen gestalttherapeutischen Bemühungen. Daher kommt in jeder Sitzung die Frage vor: Was willst du? Es geht darum herauszufinden: Was willst du jetzt? Was willst du von deiner Partnerin oder deinem Partner – jetzt, da du dich beim Therapeuten über sie oder ihn beklagst? Was willst du vom Vater, jetzt, da du in diesem Augenblick darunter leidest, dass er dich nicht an der Hand genommen und ins Leben geführt hat? Und was willst du von Mama, wenn du rufst: Ich hätte dich so gebraucht? Jetzt – was willst du jetzt von ihr?
Im selben Augenblick, in dem gefragt wird, was du jetzt willst, tut sich die nächste Frage auf: Wie kommt man an die Antwort?
Wie finden wir verlässlich heraus, was wir wirklich wollen? Die meisten von uns tendieren dazu, darüber nachzudenken. Nur: Mir ist noch niemand begegnet, der die Antwort durch Nachdenken gefunden hätte. War es eine mentale Antwort, blieb der Suchende unzufrieden, musste an der Antwort nachbessern und machte sich ganz verrückt, weil er bald herausfand, dass er alle paar Tage etwas Neues findet, was er wollen könnte.
Aber jetzt schnappt die Falle endgültig zu. Denn die Frage ist nicht nur: Was will ich von meinem Lebenspartner? Was will ich von meinem Chef, meinen Mitarbeitern, meinen Kindern? Die zentrale Frage lautet: Was will ich vom Leben?
Wenn ich diese Frage nicht beantworten kann, werde ich auch mein Leben nicht so gestalten, dass es stimmig wird und dass ich schließlich glücklich werde.
Wie kommt man mit der Antwort in Kontakt? Wie bekomme ich Zugang zu jener Klarheit in mir, von der ich weiß, dass es sie gibt – von der ich aber auch ahne, dass sie unter Bergen von Schutt und Staub begraben liegt? Was braucht es, damit ich meine innere Stimme wieder höre?
Antworten darauf gibt es in der Geschichte viele. Hier möchte ich vier davon zitieren: Sokrates, Meister Eckhart, Stanislav Grof und Fritz Perls.
Sokrates
Sokrates ist bekannt für seine Aussage: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Da haben die Zeitgenossen ihn gefragt: Wie kannst du dann handeln? Worauf stützen sich deine Entscheidungen, wenn du nichts weißt?
Die Antwort dazu steht in der Apologie. Dort sagt er:
„Vielleicht könnte auch dies jemanden ungereimt dünken, dass ich, um einzelnen zu raten, umhergehe und mir viel zu schaffen mache öffentlich, aber mich nicht erdreiste, in eurer Versammlung auftretend dem Staat zu raten. Hiervon ist nun die Ursache, was ihr mich oft und vielfältig sagen gehört habt, dass mir etwas Göttliches und Daimonisches widerfährt. Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedes Mal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abrät, was ich tun will – zugeredet aber hat sie mir nie.“
Etwas Göttliches oder Daimonisches widerfährt ihm. Dazu muss man wissen, dass im Altgriechischen der Daimon eine vermittelnde, übernatürliche Macht war – ein Schutzgeist oder persönlicher Führer, eine Verbindung zwischen Göttern und Menschen. Keinesfalls ist damit ein Dämon gemeint, wie wir ihn in unserem Kulturkreis kennen – als erschreckende oder boshafte Kraft.
Mein Verständnis dieser Textstelle ist: Sokrates tat, was immer durch ihn hindurch geschehen wollte. Man könnte sagen: spontanes Handeln. Er konnte sich darauf verlassen, dass sein Daimon ihn stoppt, wenn er etwas tun möchte, was gegen einen höheren Willen verstößt.
Der Daimon meldet sich also, um ihn von Fehlern abzuhalten. Er sagt ihm jedoch nie, was er tun soll. Das gibt ihm unumschränkte individuelle Freiheit – und doch ein hohes Maß an Sicherheit.
(Platon: Apologie, 31B–32A)
Meister Eckhart
Nun zu Meister Eckhart.
Er betont, dass der Mensch sich auf den Seelengrund besinnen und ihn wahrnehmen kann, indem er sich von äußeren Dingen und dem eigenen Willen löst. Er spricht von Gelassenheit und Abgeschiedenheit als Voraussetzungen dafür, dass Gott in der Seele wirken kann.
Der Mensch soll „aus sich selbst ausgehen“ und Gott in sich selbst Gott sein lassen, um diesen inneren Raum zu öffnen und die göttliche Gegenwart zu erfahren.
Meister Eckhart spricht von einem inneren, göttlichen Kern der Seele, den er als Seelengrund, Fünklein oder Bürglein bezeichnet.
Dieser Seelengrund ist nach Eckhart nicht von Gott erschaffen, sondern selbst göttlich und ungeschaffen, zeit- und raumlos, und in ihm herrscht völlige Ruhe. Er ist der Ort, an dem der Mensch unmittelbar Gott erfährt.
Die äußeren Tätigkeiten der Seele – Wille, Gedächtnis und Begehren – sind für die Welt zuständig. Der Seelengrund jedoch bleibt unberührt von äußeren Eindrücken und ist mit der Gottheit ununterscheidbar.
(Meister Eckhart: Reden der Unterweisung)
Spiritualität und Gesellschaft
Unsere Zeitgenossen mögen keine Spiritualität – und auch nicht das Wort Seele. Beides sind Begriffe, deren Inhalte man nicht beweisen kann.
Das abendländische Denken hat sich seit der Französischen Revolution darauf verlegt, nur für real zu halten, was sich wiegen und messen lässt. Nur was Geld kostet, hat Wert.
Vor dem Fußballspiel singen die Fans: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Da stört sich niemand daran, dass es um abstrakte, immaterielle Inhalte geht – um Ideale.
Mir scheint jedoch: Unsere Zeitgenossen messen mit zweierlei Maß.
Es geht nicht darum, ob ein Begriff materiell oder immateriell ist. Es ist einfach nicht „in“, nicht cool, über die Seele zu sprechen oder einzuräumen, dass man selbst so etwas hat. Das macht Angst.
Ich kann dieser Mode nicht folgen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Psychotherapie funktionieren soll ohne ein Weltbild, in dem es Geist und Bewusstsein gibt – und ohne ein Menschenbild, in dem es eine Seele gibt.
Zu den ersten beiden Texten
Diese Klärung war wichtig, ehe ich weiter ins Thema eintauche.
In diesen beiden Texten heißt es nicht: Du musst wissen, was du willst.
Sokrates und Eckhart sagen vielmehr: Du musst nach innen horchen, um die Antwort zu bekommen.
Vor 2400 Jahren (Sokrates) und vor 700 Jahren (Eckhart) war noch selbstverständlich: Wenn man nach innen horcht, begegnet man einer göttlichen Stimme oder dem wahren Selbst.
Wenn wir uns heute fragen, was wir vom Leben wollen, und die Antwort kommt aus Wissen und Überlegung, dann ist klar: Die Antwort kommt nicht aus unserer Mitte, sondern aus dem Ego.
Das Ego – mein persönliches Ich – ist im Laufe meiner Entwicklung entstanden. Es ist das Ergebnis unzähliger äußerer Einflüsse. Es ist eine gewaltige Anpassungsleistung. Aber es ist die Stimme meiner Eltern, Lehrer, Pfarrer, Onkel, Tanten und Nachbarn – nicht meine eigene Stimme.
Auf den Seelengrund oder den Daimon zu hören bedeutet, mit dem eigenen Wesen in Kontakt zu gehen. Und dieses Wesen ist göttlich – oder, wie Eckhart sagt: nicht von Gott unterschieden.
Stanislav Grof
Das Schöne an Stanislav Grof ist, dass er unser Zeitgenosse ist. Er wurde 1931 geboren und ist heute 94 Jahre alt.
Er verbindet den Zugang zur inneren Stimme mit erweiterten Bewusstseinszuständen.
Durch das holotrope Atmen, eine Methode, die er entwickelt hat, werden tiefe Selbsterkenntnis und die Entdeckung einer göttlichen Kernidentität möglich.
Grof beschreibt diese Zustände als Zugang zu Schichten jenseits des Alltagsbewusstseins. In ihnen können Menschen Einsichten in ihr eigenes Wesen gewinnen.
Diese Zustände entstehen durch Atemarbeit oder Meditation. Das holotrope Atmen kann Erfahrungen hervorrufen, in denen Menschen Sequenzen aus früheren Leben, Ahnenbegegnungen oder kosmische Einheit erleben.
Hier betreten wir die transpersonale Ebene. Das Ego löst sich auf, und die wahre Natur des Menschen – als göttlich – wird erfahrbar.
Grof betont dabei die Formel: Tat tvam asi – Du bist das.
Die innere Stimme versteht er als Botschaft des Seins, als Brücke zum tieferen Wesen.
Fritz Perls
„Leben aus dem Seelengrund“ hätte ich diesen Aufsatz nennen können – doch das wäre zu sperrig gewesen. „Leben aus der Mitte“ entspricht unserem heutigen Sprachgebrauch besser.
In der Gestalttherapie geht es um Wahrnehmen und um das Folgen innerer Impulse. Körperempfindungen werden zum Leitfaden für das, was in unserem Inneren geschieht.
Perls wollte seine Therapieform nicht in die esoterische Ecke gestellt sehen. Doch er hatte mehrere Monate in einem japanischen Kloster verbracht und Satori-Erlebnisse gehabt. Dass es eine tiefere Wahrheit oder höhere Ordnung gibt, war ihm durchaus bewusst.
Er übernahm von Kurt Goldstein den Begriff der organismischen Selbstregulation. Demnach hat ein lebender Organismus ein natürliches Bestreben, Bedürfnisse zu erfüllen und Ungleichgewichte zu korrigieren.
Die Frage lautet also: Willst du ein Leben aus deiner eigenen Mitte heraus führen?
Viele meiner Klienten würden sofort Ja sagen. Doch dann zeigt sich, warum sie überhaupt in die Praxis gekommen sind: „Ich möchte so gern aus meiner Mitte leben – aber ich spüre sie nicht.“
Hier beginnt die Arbeit der Gestalttherapie.
Wenn du deine Mitte nicht wahrnehmen kannst, steht etwas im Weg. Für Perls sind das unerledigte Geschäfte, in der Gestalttherapie offene Gestalten genannt.
Das sind meist Beziehungen, die nicht abgeschlossen wurden. Wunden, die wir unbewusst offen halten, bis der eingeschlossene Schmerz gefühlt wurde.
Oft sind es Worte, die nie ausgesprochen wurden und die dann in der Therapie gesagt, geflüstert oder herausgeschrien werden. Manchmal sind es Handlungen, die symbolisch nachgeholt werden: eine Entschuldigung, eine Verneigung, ein Eingeständnis.
Schluss
Leben aus der Mitte ist möglich.
Ich kenne zwei Wege dorthin: Meditation und Psychotherapie.
Meditation bringt uns unserer Mitte näher und macht uns unterwegs auf Blockaden aufmerksam. Diese können dann in der Psychotherapie angeschaut und aufgelöst werden.
Danach werden die Meditationen tiefer gehen, und mehr Stille wird möglich.
Ein Zustand von Ausgeglichenheit und innerer Ruhe hält oft Tage, manchmal Wochen an – doch dann treten wieder Störungen auf. Dann geht die Arbeit in der Therapie weiter, und danach wieder zurück in die Meditation.
So führen Meditation und Psychotherapie im Wechselschritt immer weiter in die Mitte hinein.
Und vielleicht begegnet man eines Tages – ganz unvermittelt – dem Seelengrund.
Fritz Perls würde sagen:
„What do you want more from therapy?
What do you want more from life?“
Rajan
März 2026
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