
Meine Klientin Katharina kommt mit dem Problem, dass sie sich oft so klein, so gedemütigt fühlt, obwohl sie die 50 bereits überschritten hat und 1,72 m groß ist. Manchmal tritt dieses Gefühl der Ohnmacht in der Beziehung auf, öfter im Beruf. Sie ist heute gekommen, weil sie überzeugt ist, dass sie therapeutisch etwas machen muss. Und sie denkt an Innere Kindarbeit, um damit der Sache auf den Grund zu gehen. Sie ist bereits ganz in sich zusammengesunken, die Schultern sind nach vorne gekommen und sie hat den Kopf eingezogen. Wie sie so zusammengekauert vor mir sitzt, frage ich sie: Was ist das für ein Gefühl?
Ich hab Angst.
Wer bedroht dich?
Es sind keine Menschen, es ist nicht der Vater oder der Pfarrer. Es ist die Angst davor, nicht den ewigen Frieden zu erlangen, sondern die ewige Verdammnis. Ich muss demütig sein, bescheiden, darf mich nicht zeigen, auch nicht als Frau. (Ihre Stimme wurde immer weinerlicher). Ich will doch am jüngsten Tag auserwählt werden und in der Einheit mit Gott in den ewigen Frieden eingehen.
An dieser Stelle blieb mir fast der Mund offen stehen. Ich konnte kaum glauben, dass im 21. Jahrhundert eine gebildete, erwachsene Frau in dieser Vorstellungswelt so verhaftet ist, dass es sie geradezu lähmt.
Fritz Perls ließ seine Klienten oft das spielen, was sie nie gehabt und sich doch so sehr gewünscht hatten. Zum Beispiel, wenn sie eine lieblose, harte Mutter hatten, bat er sie: Spiel mir die liebende, verständnisvolle Mutter, die du dir immer gewünscht hast. So kam ich in dieser Sitzung dazu, Katharina zu bitten:
Steh mal auf, komm zu mir her (Ich stand auch auf) und schaue auf Katharina. Sei eine erwachsene Frau im Jahr 2026 und sag ihr, was du siehst und was du ihr empfehlen würdest.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sprach, und es fiel ihr sichtlich schwer, dann begann sie. Ich gebe hier nur die Kernsätze wieder:
Du bist ja richtig panisch und das, wovor du Angst hast, sind alles nur Gedanken. Es sind nur Ideen. Du bist mit deinem inneren Bild in der Vergangenheit und verurteilst dich dafür, dass du dich aufrichten wolltest und du wertest es als ungehörig und sündig. Und du bist gedanklich in der Zukunft, in der Angst vor der Verurteilung und dem damit zusammenhängenden Ausschluss aus der ewigen Gemeinschaft. Bitte, komm in den Augenblick, lebe im Hier und Jetzt, hab Vertrauen, und werde endlich frei. An dieser Stelle schlug sie sich beide Hände vor den Mund. Sie hatte sich so tief erschrocken vor den eigenen Worten, dass sie nicht mehr weiter sprechen konnte. Obwohl sie auf der Position einer neutralen Beobachterin stand, war selbst dort der bloße Gedanke an ein freies Leben unerhört. So etwas durfte man nicht einmal denken und noch viel weniger aussprechen.
In der Rolle der Beobachterin repräsentierte sie eine ausgereifte Position, sie war sich sozusagen selbst vorausgeeilt. Als sie sich den Mund verschloss, war es wie ein Zurückrudern auf die Ausgangsposition einer Verzagten, Verängstigten. Ich denke, wir werden diese beiden Seiten ihrer selbst in kommenden Sitzungen miteinander reden lassen. Vielleicht werden da ihre kindliche und ihre erwachsene Seite in Dialog gehen, wir werden sehen.
Wir kehrten wieder auf unsere Plätze zurück. Katharina saß mir wieder gegenüber.
Hast du gehört, was die Beobachterin sagt?
Ja, sagt Katharina, ich soll frei sein, Vertrauen haben und im Hier und Jetzt leben. Sie macht eine Pause. Das weiß ich doch selber. Ich dachte halt, ich hätte diese pietistischen Schauermärchen längst hinter mir gelassen. Nun bin ich sprachlos, wie tief diese Indoktrination sitzt und dass ich es so lange nicht wahrhaben wollte.
Ja, sage ich, es ist, als wärst du imprägniert, als hätte man dich mit dieser Vorstellungswelt geimpft.
Und was kann ich da tun? Wollte sie nun wissen.
Mir scheint, du hast heute schon das Wichtigste getan: du bist dir bewusst geworden, woher dieses Gefühl vom Kleinsein, von Unterwerfung und von Ohnmacht kommt. Bewusst werden, unterm Strich geht’s es nur darum. Bis dir die ganzen Implikationen klar sind, wird es noch einige Sitzungen brauchen. Die alte Prägung, die sich trotz aufgeklärten Denkens hat erhalten können, wird nicht über Nacht verschwinden. Der innere Dialog, der jetzt begonnen hat, zwischen einer Vernünftigen und einer Verzagten, zwischen einer modernen und einer mittelalterlichen Innenwelt muss geführt werden. Einige Male vielleicht sogar immer wieder, bis dir die Inhalte so vertraut sind, dass sie dir keine Angst mehr machen werden. Du wirst wissen, sie sind noch da, aber sie können dich nicht mehr beherrschen.
Damit war die Sitzung für dieses Mal zu Ende. Hier natürlich nur sehr verkürzt wiedergegeben. Im Aufstehen sagte ich noch: Ehrlich gesagt, ich bin wie vor den Kopf gestoßen, dass Menschen im 21. Jahrhundert noch immer unter diesen von Menschen gemachten, irrationalen Ängsten leiden. Vor 500 Jahren sind bereits die Grundlagen für das moderne Denken gelegt worden und die Befreiung des Denkens aus der Beschränkung, die eine mittelalterliche Denke uns auferlegt hat, ging, trotz aller Rückschritte, kontinuierlich weiter. Ich würde gern ein paar Stationen der europäischen Geistesgeschichte skizzieren, um aufzuzeigen, wie sich das Denken in den letzten 500 Jahren Schritt für Schritt aus der Bevormundung durch die Kirche befreit hat. Ich nehme diese Sitzung zum Anlass, mir selbst noch einmal über die Stationen klar zu werden, die die Geistesgeschichte in den letzten 500 Jahren durchlaufen hat.
Für Katharina:
Wie gesagt, die Wende zum Denken der Neuzeit liegt 500 Jahre zurück. Anfang des 16. Jahrhunderts. Es ist die Lutherzeit, die Zeit von Erasmus von Rotterdam und Paracelsus und es ist die Zeit von Kolumbus und Kopernikus. Es ist die Renaissance, die Zeit der Rückbesinnung auf das klassische Altertum. Diese fünf Namen stehen für den Paukenschlag und den Auftakt zu einem Konzert, das bis heute gespielt wird und meiner Meinung nach noch nicht zu Ende ist.
Im 16. Jahrhundert steht auch die Wiege des modernen Ego. Das Weltbild, aber auch das Menschenbild entsteht gerade neu. Noch 100 Jahre zuvor findet sich auf Gemälden und Skulpturen in aller Regel keine Signatur, kein Maler oder Bildhauer hat im Hochmittelalter sein Werk mit seinem Namenszug versehen, um sich selbst damit groß zu machen. Man gibt nicht an damit, dass man eine Gabe Gottes erhalten hat und schöne Bilder malen kann. Die Kunst befasst sich ohnehin vor allem mit Themen aus dem Alten und Neuen Testament, ist im Wesentlichen sakrale Kunst. Kirchen wurden gebaut, Altäre wurden bemalt oder geschnitzt, Heiligenstatuen wurden gemeißelt, und der Künstler blieb anonym.
Die Namen von Michelangelo, 1475-1569, Rafael, 1483-1520 und Albrecht Dürer, 1471-1528 dagegen, sind heute noch jedem geläufig. Alle drei aus dem Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts.
In den Gemälden und Zeichnungen der Zeit zeigt sich jetzt die perspektivische Darstellung. Die Bilder erhalten Tiefe und Räumlichkeit und machen den Standpunkt des Betrachters klar. Die Künstler bemühen sich, möglichst wirklichkeitsgetreue Darstellungen zu schaffen. Das Portrait erhält nun eine neue, eigene Bedeutung. Es soll die dargestellte Person eindeutig identifizierbar machen. Es geht nicht mehr um Symbole, jetzt geht es um Persönlichkeiten, um Menschen mit Namen, mit persönlicher Geschichte, mit individuellen Gesichtszügen, mit Eigenarten und Besonderheiten. Seit dem 16. Jahrhundert geht es um die Freiheit des Individuums, und die Kunst zeigt die Bedeutung des Einzelnen. Anders formuliert, es geht zunehmend um das Ego.
Ich denke schon, dass Alexander der Große, Caesar, die deutschen Kaiser des elften und zwölften Jahrhunderts ein Ego hatten, besonders wenn man bedenkt, dass zum Beispiel Kaiser Konrad II. im Jahr 1030 die Errichtung eines Doms zu Speyer einleitete, der nach Umbauten später der größte romanische Dom der Christenheit wurde. Die Inhaber dieser großen Namen lebten ihr starkes Ego aus, aber sie schauten ganz anders auf sich selbst. Ihr Selbstbewusstsein war nicht das eines Bürgers aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Alexander der Große, Caesar und die deutschen Kaiser sahen sich nicht von Gott getrennt oder gar in Opposition zu ihm. In einer Hierarchie, in der Gott, oder das Göttliche ganz oben stand, sahen sie sich vielleicht auf dem zweiten Platz, aber das wurde nicht als persönliche Leistung gesehen, sondern als Tatsache und göttliche Ordnung betrachtet. Die besondere Stellung wurde als Bestimmung und Verpflichtung betrachtet, es wäre keinem von Ihnen in den Sinn gekommen zu sagen: Ich denke also bin ich.
Dieser Satz kommt von Descartes (1596-1650). Der Satz stammt also aus dem 17. Jahrhundert. Aber soweit sind wir noch nicht. Jetzt kommt erst mal Luther (1483-1556).
Martin Luthers Vater war sozialer Aufsteiger und hatte es zum Mitbesitzer einer Kupfermine gebracht. Er wünschte, dass sein Sohn ein wohlhabender, geachteter Bürger wird. Zu jener Zeit war die beste Voraussetzung dafür ein Jurastudium. Martin begann also mit dem Studium der Rechtswissenschaften, hatte aber andere Pläne und widersetzte sich dem Vater. Das berühmte Erlebnis, bei dem der Blitz unmittelbar neben ihm eingeschlagen haben soll, diente ihm als Zeichen und Argument gegen den Vater, um das Studienfach zu wechseln. Er trat 1505 in das Augustinerkloster in Erfurt ein und studierte nun Theologie.
Sich dem eigenen Vater zu widersetzen, war Anfang des 16. Jahrhunderts schon unerhört, dann aber weiter zu gehen und sich sogar der Kirche und dem Papst entgegenzustellen, das hatte vor ihm keiner gewagt und wenn doch, dann hat er es mit dem Leben bezahlt. 1517 erfolgte der Anschlag seiner Thesen an der Kirche zu Wittenberg. Er gab seine aufrührerischen Schriften heraus und stand dann 1521 auf dem Reichstag im Worms vor den päpstlichen Abgesandten und Kaiser Karl V. selbst und da sagte er, nachdem er es abgelehnt hatte, seine Schriften zu widerrufen: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“. Ich! Ich kann nicht anders! Dieser Augenblick ist die Geburtsstunde des modernen Ich. Luther beruft sich auf sein Gewissen, nicht auf Autoritäten oder heilige Bücher. Die Wahrheit muss aus ihm selbst kommen. Damit ist er selbst auch die höchste Autorität. Das konnte die katholische Kirche nicht ertragen. Er wurde exkommuniziert, auf der Heimreise in einer vorgetäuschten Entführung auf die Wartburg gebracht und dort versteckt, bis die Wogen sich geglättet hatten. Sein Glück war, dass er sowohl im Adel als auch im Volk viel Fürsprache und Unterstützung hatte.
Wenig später, 1543, erscheint ein Buch, das die alte Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Es ist die Schrift von Nikolaus Kopernikus, in der er erklärt, dass die Sonne im Mittelpunkt steht und die Planeten sie umkreisen. Einer der sechs damals bekannten Planeten ist die Erde. Im alten Weltbild drehte sich die Sonne um die Erde, die der Mittelpunkt eines begrenzten Kosmos war. Im heliozentrischen Weltbild dreht sich die Erde um die Sonne. Es drehte sich nicht mehr alles um die Erde. Das schmälerte auch unsere Bedeutung als Gottes Geschöpfe. Es könnte ja sein, dass es noch weitere Geschöpfe im weiten Weltall gibt.
Kopernikus hat zwar Kritik bekommen, aber er wurde nicht verfolgt und nicht verurteilt. Es lag auch nichts gegen ihn vor. Sein Buch „De revolutionibus orbium coelestium“ erschien 1543. Das war auch das Todesjahr von Kopernikus, er hatte also nichts mehr zu befürchten. Galileo Galilei wurde zum Widerruf gezwungen, als er die Lehren des Kopernikus vertrat und erweiterte, und Giordano Bruno wurde im Jahr 1600 für seine ketzerische Äußerungen, in denen er die Lehre vom heliozentrischen System vertrat und philosophisch erweiterte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
So groß war die Angst der Kirche vor diesen neuen Gedanken! Luther wurde exkommuniziert, Galilei musste widerrufen und stand den Rest seines Lebens unter Hausarrest, und Giordano Bruno musste für seine Überzeugung sterben. Wovor hatten die hohen Würdenträger eine solche Angst? Es war der Autoritätsverlust, der sich da abzeichnete und der über die Jahrhunderte immer weitergehen und erst in den letzten Jahrzehnten wirklich bei der Basis angekommen ist. Wir hatten Kirchenaustritte bei beiden Konfessionen zusammengenommen in 2025 = 657.000, in 2024 = 666.611, in 2023 = 782.694, in 2022 = 903.000 allein in diesen vier Jahren also rund 3 Millionen Kirchenaustritte. 1992 hatten die Kirchen noch 57 Millionen Mitglieder, Ende 2023 waren es noch 38.905.872, das ist in 31 Jahren ein Verlust an Kirchenmitgliedern von rund 18 Millionen.
Natürlich kann ich nicht behaupten, dass die Kirchenoberen diese Dimension von Schrumpfung voraussehen konnten, aber etwas haben sie geahnt oder bereits beobachtet, nämlich das Schwinden der kirchlichen Autorität. Das neue Weltverständnis, bei dem die Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltalls war, brachte auch ein neues Selbstverständnis mit sich. Hier ist in Kürze noch einmal die Entwicklung, die sich in drei verschiedenen Schritten vollzog:
Kopernikus (1473–1543) verschob den kosmologischen Standpunkt: Die Erde ist nicht der ruhende Mittelpunkt des Kosmos. Damit wurde eine jahrhundertelang selbstverständliche Ordnung grundsätzlich infrage gestellt.
Giordano Bruno (1548–1600) radikalisierte diese Perspektive philosophisch. Er dachte an ein unendliches Universum mit unzähligen Welten und stellte damit auch das traditionelle Verhältnis von Mensch, Welt und Gott neu zur Diskussion.
Galileo (1564–1642) verband die neue Kosmologie mit Beobachtung, Experiment und mathematischer Beschreibung. Damit gehörte er zu den entscheidenden Wegbereitern der modernen Naturwissenschaft.
Für Bruno war das Universum unendlich, mit einer unendlichen Zahl von Sonnen und Welten.
Und hier liegt ein wesentlicher Unterschied:
Kopernikus entwickelte zunächst ein astronomisches Modell.
Galileo versuchte, die Bewegung der Erde physikalisch und durch Beobachtungen zu begründen.
Bruno machte daraus eine umfassende philosophisch-metaphysische Vorstellung vom unendlichen Universum.
Brunos Unendlichkeit des Kosmos war eng mit seiner Vorstellung von Gott verbunden: Gott war für ihn nicht ein Wesen, das irgendwo außerhalb eines begrenzten Universums sitzt. Die unendliche Welt war vielmehr Ausdruck einer unendlichen göttlichen Wirklichkeit.
Galileo Galilei starb 1642, wir sind also bereits im 17. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt ist Baruch Spinoza, ein Philosoph jüdischer Abstammung, der in Holland lebte, zehn Jahre alt. 1656, gerade mal 24 Jahre alt, musste er seine Glaubensgemeinschaft verlassen, weil seine jüdische Gemeinde ihn wegen seiner Schriften ausschloss. Kein Gemeindemitglied durfte mehr mit ihm reden. Selbst den Kontakt zu seinem Bruder musste er heimlich pflegen, alles andere wäre für ihn und seine Familie zu gefährlich geworden. Er hatte wohl zu gewaltigen Schüssen gezogen und zu kühne Gedanken geäußert.
Wenn man die Philosophie Baruch Spinozas auf einen einzigen Grundgedanken bringen wollte, wäre es wohl dieser:
Es gibt nur eine einzige Wirklichkeit – Gott bzw. die Natur („Deus sive Natura“) – und alles, was existiert, ist Ausdruck dieser einen Wirklichkeit.
Damit verbindet Spinoza mehrere Gedanken, die für seine Philosophie entscheidend sind:
Gott ist nicht ein persönliches Wesen außerhalb der Welt. Gott ist die unendliche Wirklichkeit selbst. Deshalb sagt Spinoza: „Gott oder Natur“.
Alles ist Teil dieser einen Wirklichkeit. Menschen, Tiere, Körper, Gedanken, Sterne – sie sind keine von Gott getrennten Schöpfungen, sondern Ausdruck derselben einen Substanz.
Geist und Körper sind keine zwei voneinander unabhängigen Dinge. Sie sind zwei verschiedene Weisen, eine und dieselbe Wirklichkeit zu erfassen.
Alles geschieht aus notwendigen Zusammenhängen. Auch der Mensch steht in der Kette der Natur und ist nicht ein völlig unabhängiges, „freies“ Wesen.
Daraus folgt Spinozas ungewöhnlicher Begriff von Freiheit: Frei wird der Mensch nicht dadurch, dass er sich von den Ursachen löst, sondern indem er die Ursachen versteht, die ihn bestimmen.
Das führt zu folgendem Gedanken: Je mehr ich verstehe, warum ich so bin, wie ich bin, desto weniger werde ich von meinen Affekten und äußeren Umständen beherrscht.
Spinozas Philosophie ist deshalb zugleich eine Metaphysik, eine Psychologie und eine Ethik. Erkenntnis soll nicht bloß Wissen vermehren, sondern den Menschen verwandeln: von einem Wesen, das von seinen Leidenschaften getrieben wird, zu einem Menschen, der aus Einsicht und innerer Notwendigkeit lebt.
100 Jahre nach der initialen Erschütterung des alten Weltbildes tritt also ein Denker auf, der zeigt, was ein befreiter Geist fähig ist, zu denken.
Weitere 100 Jahre später beantwortet Immanuel Kant die Frage: Was ist Aufklärung? Mit den Worten: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Der Wahlspruch der Aufklärung hieß demnach „Sapere aude!“ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Das war 1784, fünf Jahre später begann die französische Revolution. Das Bürgertum, das nun seit 300 Jahren an Zahl und Wirtschaftskraft ständig zugenommen hatte, setzte nun seine Interessen politisch um: In Frankreich wurde der Adel gestürzt. Die Kirchengüter wurden eingezogen und dieselben Leute, die jene denkwürdige Verfassung der USA verfasst hatten, schrieben auch die Verfassung für das demokratische Frankreich. In den USA trat die neue Verfassung 1789 in Kraft, das ist auch das Jahr der französischen Revolution.
Was ich zeigen wollte, war, wie sich Denken, Selbstbild und Weltbild seit dem 15. Jahrhundert grundlegend geändert haben. Wie sich von Kopernikus und Luther über Giordano Bruno und Galileo Galilei, die Entfesselung des Denkens entwickelt hat, wie sie in Spinoza eine Art Höhepunkt erreicht hat und mit Kant und der Französischen Revolution schließlich Einzug hielt, im politischen Alltag. Über die Rückschläge und die wichtigen Denker im 19. und 20. Jahrhundert ließe sich auch noch einiges sagen. Die deutschen Klassiker Schiller und Goethe, die deutsche Romantik, die Auflehnung gegen die Restauration vor allem bei Heinrich Heine, habe ich nicht vergessen und Hegel, Marx, Nietzsche und schließlich dann die Entdeckung des Unbewussten durch Sigmund Freud sind natürlich alles noch bedeutende Schritte auf dem Weg zur Gegenwart - diese Ausführungen hätten aber hier zu einem übertriebenen Umfang geführt.
Unterm Strich sind wir heute in einer Situation, in der im freien Westen Redefreiheit und Gedankenfreiheit garantiert sind. Auch wenn es in manchen Regionen bereits wieder Rückschritte gibt. Vielleicht wirst du jetzt verstehen, weshalb ich erschrocken war, als ich Augenzeuge einer über Jahrhunderte andauernden unterschwelligen Unterdrückungsmacheinerie wurde, die ganz ungeniert neben all den Befreiungsbemühungen fortbestand hat. Die Lehre vom Fegefeuer und vom Jüngsten Gericht lebte, wie man sieht, im Unterbewussten fort. Wenn wir drüber reden, sind wir ganz vernünftig und aufgeklärt, wenn wir unbeobachtet sind und uns irgendetwas stresst, sind unsere Blockaden, Unsicherheiten und Ängste wieder voll aktiv. In diesem Fall hat Psychotherapie vor allem die Aufgabe, die innere Stube auszufegen, die Fenster zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. The pursuit of happiness, wie es in den Grundrechten heißt, die Verfolgung des persönlichen Glücks wird noch auf lange Sicht auf Psychotherapie angewiesen sein, denn Kirchenhörigkeit und obrigkeitsstaatliches Denken sind die Gegner eines glücklichen Lebens.
Die Arbeit mit Katharina war so etwas wie ein Paradestück dafür, dass wir in der Psychotherapie intrapersonelle Probleme bearbeiten, genauso auch interpersonelle Schwierigkeiten angehen, dass wir aber bei einer ganzheitlichen Sicht, immer auch die politische, geschichtliche und gesellschaftliche Situation, in der sich unser Leben abspielt, mit einbeziehen müssen. Den Globe, wie Ruth Cohn es nannte..
Rajan 8.10.2026
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